Schreiben macht Spaß
- Alexia Hoppe

- 30. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 4 Tagen
Schreiben ist ein wunderbares kreatives Ventil, um Erlebtes, um Emotionen, ja den inneren Ausdruck zu fördern. Die eigene Handschrift ist Ausdruck der individuellen Persönlichkeit. Um Kindern diese Welt zu eröffnen, sollte ein freudvoller, erlebnisreicher Umgang mit dieser Kulturtechnik geschaffen werden.
Wenn ich mit meine Klassen in das zweite Schuljahr gehen, fragen mich die Kinder meistens: "Wann lernen wir denn jetzt Schreibschrift?"
Die Vorfreude der Kinder darauf, nun endlich eine neue Schrift lernen zu dürfen, erlebe ich nun seit fast 25 Dienstjahren. Was uns Erwachsenen als mühsam oder vielleicht nicht so wichtig erscheint, ist für fast alle Kinder im zweiten Schuljahr etwas ganz besonders.
Das liegt mitunter daran, dass Kinder natürlich sehen, wie die Erwachsenen handschriftlich schreiben. Und da ist die Faszination für das Neue, für den Eintritt in diese ganz andere Schriftwelt ungebrochen.
Mit zunehmenden Alter steigen aber dazu auch die eigenen ästhetischen Ansprüche an das, was mit den Händen produziert wird- sei es beim Malen oder Gestalten oder beim Schreiben. Eine schöne Schrift zu beherrschen, ist daher eine gern angenommene Herausforderung.
Insgesamt gibt es in Deutschland drei gängige Schreibschriften, die ich kurz beschreiben möchte:

Die Lateinische Ausgangsschrift und die Schulausgangsschrift wurde
von einer Kommission bestehend aus Lehrern, Orthographiedidaktikern, Graphikern und Wissenschaftler,n die sich auf Graphomotorik spezialisiert haben, erfunden. Beide Schriften hatten den Anspruch, auf die spezifischen Bedürfnisse der kindlichen Hand ausgerichtet zu sein.
Die Vereinfachte Ausgangsschrift wurde durch einen Lehrer namens Grünewald erfunden und durch den Soziologen Hans Brügelmann in die Schulen gebracht, da sie sich leichter für den Druck in Arbeitsheften eignete. Auch um die Anlauttabelle durchführen zu können, wurde die Schriftaneignung nun auf zwei Schuljahre verteilt: zuerst Druck- dann Schreibschrift. Mit diesem System konnten die Kinder das in den 80er Jahren das bedeutsam werdende Konzept "Lesen durch Schreiben" , also das Lesen und Schreiben lernen mit der Anlauttabelle (in Druckbuchstaben) gut durchführen. Zu einer schönen geschwungenen Schreibschrift führte dieses Konzept in vielen Fällen jedoch nicht,
Derzeit wird an vielen Schulen gar keine Schreibschrift mehr gelehrt, sondern nur die Grundschrift, die eine Druckschrift mit kleinen Häkchen ist. In der Theorie sollen die Kinder die kleinen Häkchen an den Buchstaben zu einer verbundenen Schrift führen. Dieser Anspruch ist jedoch zu hoch gegriffen. Oft fehlen die dafür notwendigen individuellen Schreibschriftgespräche, die Lehrer durchführen müssten. Auch in den Arbeitsheften der Kinder finden sich kein Vorbilder für verbundene Schriften oder Übungen zu Schwüngen, die es dafür bräuchte. Deshalb bleibt es oftmals bei der Druckschrift bis zum vierten Schuljahr.
Der Nachteil: Kinder können nicht nur keine Schreibschrift schreiben - sie können Handschriften und Schreibschriften am Ende der Grundschulzeit und darüber hinaus meistens auch nicht lesen.
Die Vorteile der Schreibschrift
Neben der Freude, die Kinder an einer geschwungenen Schreibschrift, wie z.B. der Lateinischen Ausgangsschrift oder der Schulausgangsschrift haben, bieten diese Schriften auch eine sehr gute motorische Unterstützung, um die Rechtschreibung sicher zu erlernen.
Da sich Buchstaben wie z.B." b, d, p " im Gegensatz zur Druckschrift oder Grundschrift in der Schreibschrift sehr stark unterscheiden, sind Verwechselungen durch Raum-Lage-Schwierigkeiten (häufig bei LRS-Kindern) sehr selten. Auch Groß- und Kleinbuchstaben sind in der Schreibschrift deutlich verändert und besser zu unterscheiden (z.B. K, k/ L,l)/ S,s). Probleme mit der Groß- und Kleinschreibung werden damit geringer.
Dies wurde in ganz Europa in unterschiedlichen Studien nachgewiesen. So zeigte die u.a. im Bereich der Legasthenie forschende Wissenschaftlerin Prof. Dr. Diane Montgomery an der Middlesex University in London, dass sich nicht nur das Schriftbild in Schreibschriften besser einprägt als in Druckschriften , sondern dass sich durch die schwungvolle, besondere Bewegung beim Schreiben der Schreibschrift, die richtige Orthografie motorisch und visuell viel besser einprägt.
Diese Erkenntnisse führten dazu, dass in fast ganz Europa und den USA, ja fast überall dort, wo man unser lateinisches Schriftsystem verwendet, Schreibschriften beibehalten wurden. In Frankreich beginnt man mit der Schreibschrift sogar schon im Kindergartenalter.
Auf eine schöne Handschrift wird im europäischen Ausland also insgesamt sehr viel mehr Wert gelegt.
Ein klarer Vorteil also für die Kinder, die an ihren Grundschulen noch eine normierte Schreibschrift erlernen können. Denn spätestens, wenn man sich für ein Studium oder Ausbildung im Ausland entscheidet, braucht man fundierte Kenntnisse einer Schreibschrift.
Aber so weit muss die Reise nicht einmal führen. Selbst wenn Kinder später schulisch oder beruflich, oder einfach durch einen Umzug in Hessen, Berlin oder Brandenburg landen, wo die Schreibschrift noch eine gängige Praxis in den Schulen ist, sind Kinder, die nur Druckschrift (Grundschrift) können, benachteiligt. Das kann in bestimmten Fällen sogar eine Klassenwiederholung zur Folge haben. Denn selbstverständlich wird dort erwartet, dass man Schreibschrift lesen (und schreiben) kann.
Last but not least: Bei der Grundschrift wird nur ein einzelnes, eingeschränktes Bewegungsangebot geliefert, nämlich das der Druckschrift. Diese ist jedoch befreit von wesentlichen Schwüngen, Bögen, Wellenbewegungen, Vor- und Zurückbewegungen, sodass hier in gleichem Maße eine massive Einschränkung der Schulung der Feinmotorik stattfindet. Die Wahl der erlernten Schreibbewegungen wird also auf ein ganz geringes Basis-Repertoire begrenzt.
Da die Schreiber der Grundschrift gar nicht über das Bewegungsrepertoire verfügen, welches die Schreiber einer verbundenen Schrift haben, ist hier eine individuelle Schriftentwicklung sehr eingeschränkt möglich.
Schlussfolgerung und Zusammenfassung
Die Schreibschrift ist immer noch ein fester Teil unserer Kultur in Deutschland, Europa und in den USA. Sie zu erlernen, stellt für Kinder nicht nur eine besondere Freude und faszinierende Herausforderung bereit, durch die sie später ihre eigene Kreativität und Persönlichkeit ausdrücken können. Sie unterstützt darüber hinaus eine sichere Rechtschreibung und das Lesen jeder Handschrift, die auf der lateinischen Schrift beruht. Und das ist ein echtes Benefit!


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